Zum Thema: Verkosten

»Sens sana in corpore sano« – ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper, das ist bekannt. Mit »sens« sind in diesem Fall die Sinne gemeint. Die werten Lateiner mögen mir verzeihen für die Abwandlung dieser Weisheit. Da ich kein Latein genossen habe, weiß ich nicht, ob es nur falsch oder gar sehr falsch ist. Zum Glück benötigt man ja kein Latein um Weine gut und zuverlässig zu beurteilen! Aber was braucht es eigentlich dazu?

In jedem Fall Disziplin! Man stelle sich einen übergewichtigen, schwitzenden älteren Herren vor, dessen frisch operierte Knie unter seiner Körperlast weiter leiden, weil er einfach nicht aufhören kann lustvoll zu speisen. Das üppige Abendessen liegt am Morgen danach noch schwer im Magen, das nach links gekämmte Haupthaar versucht die Halbglatze zu verstecken. Mühsam schleppt sich der 130-Kilo-Mann durch den Verkostungsmarathon in Bordeaux. In seiner amerikanischen Heimat verkostet er zwischen 100 und 200 Weine am Tag und seine tanningegerbte Zunge suggeriert ihm, auch in diesen hektischen Tagen messerscharf über jeden sich entgegenstellenden Wein urteilen zu können.

Ein anderer Journalist aus Frankreich begegnet einem bereits nach dem Mittagsmahl im Zustand erhöhter Lebensfreude. Er wurde von einem Négociant eingeladen und gebeten einen verführerischen, reifen Premier Cru zu kosten. Danach sieht auch der traurigste Jahrgang deutlich freundlicher aus, glauben Sie nicht? Man muss die Journalisten ja bei Laune halten.

Dann treffen wir noch den schnellen Importeuerskollegen. Er verkostet in rasantem Tempo. 20 Weine in 10 Minuten – wow! Den Vorabend hatte er bis in die Nacht bei seinem Freund auf einem Château zugebracht. Reichlich Weine gab es, gut wurde gecatert und die Zigarren waren hervorragend, sagt er. Sein Haar ist noch zerzaust. Und wie ist es mit dem Geschmack an diesem Morgen? Eingekauft wird nach Parker und über Geschmack lässt sich streiten? Vielleicht.

Aber sicher nicht darüber, wie man einen guten Geschmack trainiert und welche Disziplin es erfordert über 12 Tage täglich von acht bis 18 Uhr konstant zu verkosten. Denn nicht nur der gesunde Mensch lebt in einem gesunden Körper, sondern auch die gesunde Sinneswahrnehmung. Daher lehne ich es nunmehr seit Jahren ab, abendliche Gelage während meines Verkostungsmarathons in Bordeaux und Verona zu besuchen. Nur den »Ban de Millesime« in Bordeaux besuche ich gerne. Auch dieses Jahr saß ich am Tisch von Mouton-Rotschild neben dem technischen Direktor Phillippe Dhalluin.

Ansonsten sieht mein Tagesablauf so aus: 6 um 6 – das heißt morgens um 6 Uhr 6 Kilometer joggen. Danach schnell duschen, Frühstück ohne Kaffee, weil das die Zunge einige Zeit lang beeinträchtigt. Die Abfahrt zu den ersten Verkostungsterminen ist zwischen 7 Uhr 15 und 7 Uhr 30. Um 8 Uhr geht dann meist die Verkostung los. Zeit muss man sich nehmen, bis man am Morgen die Sinne kalibriert hat. Dann wendet man sich jedem Wein konzentriert zu.

Bei größeren Verkostungen sind es schon mal 30 bis 50 Weine und mehr am Stück. Auf den Châteaux ist die Anzahl der zu verkostenden Weine natürlich deutlich geringer. Zum Mittagessen gibt es nicht sehr viel und dazu nur Wasser. Wenn es nötig ist nimmt man von Zeit zu Zeit eine kleine Pause an der frischen Luft. Der ganze Tag läuft in drei Sprachen ab: Englisch, Französisch und Deutsch, in Verona natürlich auch Italienisch. Erst am Abend darf man dann moderat schlucken statt zu spucken. Während des Abendessens werden nochmal die Verkostungsnotizen inspiziert und ausgewertet. Danach geht es möglichst früh in Bett, damit man am nächsten Morgen wieder frisch starten kann und sich wie ein gesunder Mensch fühlt.

»Mens sana in corpore sano.«

Thomas Boxberger-von Schaabner